Eine Geschichte für alle Kinder, die sich nicht unterkriegen lassen
Vor vielen, vielen Jahren, als die Menschen noch in Holzhütten lebten und in laute Freudenrufe ausbrachen, wenn es ihnen gelang, im Ofen ein Feuer anzuzünden, wurde in Südschweden in einem breiten Flusstal ein kleiner Junge mit Namen Lennart geboren. Seine Eltern waren überglücklich, denn er war wunderschön. Alles an ihm war vollkommen - die winzig kleinen Hände, das runde Gesicht, der zarte blonde Haarflaum, die kleinen Füße und selbst die winzigen Ohren. "Uns ist ein Wunder geschehen" erzählten die Eltern überall. Doch die Nachbarn lachten spöttisch. "Wartet nur", dachten sie insgeheim, "bis Euch der Balg die Haare vom Kopf frisst und Widerworte gibt", denn in der alten Zeit war ein Kind oft auch eine Last.
Doch nichts dergleichen geschah. Das Kind wuchs zu einem jungen Mann heran und war eine unendliche Freude in den Augen seiner Eltern. Nur eines bereitete ihnen Kummer. Lennart sprach nicht - nicht mit ihnen und auch nicht mit anderen. Dabei hatte er seine so lebhafte Mimik, ein so deutliches Augenspiel, dass eigentlich niemand die Sprache wirklich vermisste, denn Lennart verstand alles und teilte alles mit, was ihm wichtig erschien. Ja, sein Lächeln wurde richtig berühmt und im Tal sprach man oft vom "unvergleichlichen Lennart-Lächeln". Es begann mit einem verhaltenen Aufleuchten der Augen, die sich im Moment des Aufleuchtens vergrößerten wie kleine Sonnen, danach verzog sich der linke Mundwinkel und das Lächeln wanderte von links nach rechts, wobei sich zusätzlich kleine Lachgrübchen ausbildeten. Jeder, der dieses Schauspiel mit verfolgte, musste unweigerlich selbst lächeln und ging beschwingter nach Haus als er gekommen war. "Ich weiß nicht, ich weiß nicht", sagte Lennarts Vater manchmal "entweder ist Lächeln auch Sprache oder er spricht durch sein Lächeln. Auf jeden Fall - ich sage, er spricht!"
Wie ich schon sagte, lebte dieser Lennart in der alten Zeit in Schweden. Die Menschen ernährten sich viel von den Früchten des Waldes, manchmal holten sie sich einen Fisch aus den Seen oder erlegten ein Rentier. Sie waren von morgens bis abends auf den Beinen, um den Wald zu durchstreifen und Nahrung aufzuspüren oder auf den Märkten in den winzig kleinen Städten Pilze und Beeren gegen Brot oder wollene Socken zu tauschen.
Eines Tages geschah etwas Furchtbares. Ein wilder Sturm raste über das Land, verteilte hier dicke Hagelkörner und dort samtige Schneeflocken, entwurzelte Bäume, warf ganz Rentierherden durch die Luft und ließ die Boote auf den Seen tanzen wie Schneeflocken im Wind. Die Menschen erschauerten und versteckten sich in ihren Behausungen. Sie hatten ein schlechtes Gewissen. "Bestimmt haben wir zuviel Wild erlegt und unnötig viele Fische getötet. Wir haben einfach den Respekt vor dem Leben verloren", dachten sie schuldbewusst. Denn jedem war klar, dass er nicht mehr von der Natur nehmen durfte, als er wirklich zum Leben brauchte. Da ertönten gellende Schreie aus dem nahe gelegenen Wald. Trotz des Sturmes rannten alle Dorfbewohner an die Stelle, woher die Hilferufe kamen. Denn in jenen Tagen galt uneingeschränkt ein Gesetz, das da lautete: Wenn einer leidet, leiden alle. Die Dorfbewohner entdeckten unter einem umgestürzten Baum, von Hagel fast bedeckt und von einem Rudel Wölfe umzingelt, das alte Kräuterweib Astrid.
Den hungrigen Wölfen sträubten sich vor Wut die Nackenhaare, als sie die vielen Menschen zu ihrer Beute strömen sahen. Ihre Mägen knurrten schon seit Tagen. Sie wollten sich den Beutemenschen nicht von ein paar Zweibeinern entreißen lassen. Schon gar nicht, da diese vor Angst zitterten. Nicht einmal einen erfahrenen, alten Leitwolf konnten die Menschen aufweisen. Hochmütig stürmten die Wölfe zum Schein auf die Menschenmenge zu, die erschrocken zurückwich. Wie sollten sie unter diesen Umständen der guten Astrid helfen? Gerade sie hatte wirklich Hilfe verdient. Nicht nur, dass sie viele Menschen geheilt hatte, nein, sie hatte es auch immer verstanden, die Dorfkinder durch ihre spannende Erzählungen zu fesseln und zu belehren. Als die Dorfbewohner noch in Panik zurückstolperten, trat Lennart mit einem brennenden Holzscheit aus der nahe gelegenen Köhlerhütte hervor. Mit unbeirrtem Schritt, den lodernden Scheit in der Hand, ging er direkt auf das Wolfsrudel zu. Diese erstarrten in ihrer Angriffshaltung regungslos wie verwitterte Holzstatuen. Nur ihre grün schillernden Augen wanderten nervös zwischen dem Feuer und dem jungen Menschen hin und her. Doch da setzte plötzlich aus der erstarrten Meute der große Leitwolf aus dem Stand zum Angriff an. Die Menge schrie wie aus einer Kehle. Doch Lennart parierte so geschickt, dass der große graue Wolf statt des Armes den Feuerscheit zu fassen bekam und sich die Schnauze verbrannte. Ein schauriges Jaulen ertönte. In panischer Angst lief er davon, ihm folgte wie gehetzt das ganze Rudel. Wie ein böser Alptraum seine Drohung in der Morgendämmerung abstreift, so verschwanden die Wölfe an der Nahtstelle zwischen der Helligkeit des Schnees und der Dunkelheit der Nacht.
Doch nun hörten die Dorfbewohner erst recht das qualvolle Stöhnen und Jammern der alten Astrid. Sofort sprangen die Männer hinzu und versuchten, den dicken Baumstamm zu bewegen, während die Frauen Decken über die Kräuter-frau ausbreiteten, um sie wenigstens vor Unterkühlung zu schützen. Doch reichten die Kräfte der Männer nicht aus. Sie konnten und konnten den Baumstamm keinen Millimeter weg bewegen. Und wieder trat Lennart aus dem Hintergrund hervor und drückte jedem der Männer eine feste Holzplanke in die Hand, die sie unter dem Stamm ansetzten. Unter dem Kommando "Und ruck, und ruck!" gelang es ihnen wirklich, den Baum von den verwundeten Beinen der Alten zu weg zu hebeln. Schnell packte man sie auf einen Schlitten und brachte sie in ihre Hütte. Keiner jubelte, als das Feuer endlich entzündet war und man der vor Kälte und Schmerzen zitternden Frau ein heißes Getränk einflößen konnte. Zu groß war die Furcht, die gute Alte könnte sterben.
Danach schob Lennart alle Helfer hinaus und blieb mit der Alten allein. Er hegte und pflegte sie wie ein tüchtiger Arzt. Hatte er doch als Kind schon - unbemerkt von den lärmenden, gleichaltrigen Buben - von ihr die Anwendung von Kräutermedizin und heilenden Verbänden gelernt. Am nächsten Morgen fragten ihn die Dorfbewohner, wie er auf die Idee mit dem Feuer und den Holzhebeln gekommen war. Da antwortete Lennart mit einem alten schwedischen Sprichwort, das da heißt: "Erst nachdenken, dann handeln." Die Menschen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Du kannst ja sprechen", riefen sie das eine über das andere Mal und sein Vater strahlte wie einer, der es schon immer gewusst hatte.
Im Frühjahr saß die Alte wieder vor ihrer Hütte und freute sich über das helle Licht, die Vogelstimmen und die ersten Blüten. Lennart blieb fortan bei ihr. Er war es jetzt, der für die Arzneien und Tinkturen für das Dorf sorgte und seine Lehrmeisterin an den Krankenbetten vertrat. Lennart hatte das Haus inzwischen mit blauer Farbe angestrichen, die Fensterrahmen geweißt, den Kamin erhöht und einen großen Kräutergarten angelegt. Jeden Abend loderte ein wärmendes Feuer im Herd und der Rauch stieg in duftigen Wolken zum Himmel empor. Dann erzählte die alte Astrid der zahlreich erschienen Dorfjugend unermüdlich Geschichten. Immer ging es um Menschen wie Lennart, die sich von niemanden und nichts unterkriegen ließen.
Traurig blickten die Eltern von Lennart oft zum blauen Haus hinüber. "Wir haben unser Kind verloren, doch die Kräuter-Astrid hat einen Enkelsohn gewonnen", seufzte die Mutter gekränkt. "Sag so etwas nicht", antwortete der Vater, "unser Sohn ist noch jung, aber erwachsen und weiß, was er tut. Vertraue ihm nur! Kein Sohn kann ewig bei der Mutter bleiben. Und bei ihr lernt er nur Gutes, vergiss das nicht."
Eines Tages fuhr die reich mit Holzschnitzereien geschmückte Kutsche der Königsfamilie an dem Dorf vorbei. Ihre Augen fielen auf das schmucke, blaue Haus am Waldrand. Der Kräutergarten duftete betörend und die Bienen verbreiteten ein gleichmäßiges, lautes Brummen wie eine unermüdliche Holzsäge. "Wem gehört denn dieses heimelige Haus?" fragten sie die Dorfbewohner. Da antworteten diese: "Das ist des Lennart's Haus."
In jeder herrlichen Königskutsche gibt es immer eine wunderschöne Prinzessin, das weißt Du doch, Lenni! Die Prinzessin in dieser Kutsche hieß Lebensfroh und war äußerst neugierig. Sie wollte unbedingt des Lennart's Haus von innen sehen. Und da Prinzessinnen meistens ihren Willen durchsetzen, saß die Königsfamilie bald andächtig in der Stube der alten Astrid und sie erzählte ihnen von einem König im Taka-Tuka-Land. Dazu tranken sie Tee aus braunen Tonbechern statt aus feinen, weißen Porzellanschalen. So einfach und doch so schön konnte das Leben sein! Doch das hätten sie besser nicht tun sollen. Denn sofort verliebte sich die neugierige Prinzessin Lebensfroh in das verträumte, unvergleichliche Lächeln des jungen Lennart. Vorsichtshalber gab die alte Astrid ihr noch einen Entzauberungstee mit, doch der Zauber der Liebe war stärker. So rollte die Königskutsche immer öfter "zufällig" durch das Dorf. Und jedes Mal kochte der junge Lennart Verzauberungstee, den die alte Astrid mit Entzauberungstee zu entkräften suchte. Denn das konnte ja kein gutes Ende nehmen! Schließlich sollen Prinzessinnen Prinzen heiraten und nicht ungewöhnliche, schweigsame junge Männer, die zudem noch bei alten Kräuterweiblein und Erzähltanten hausen.
Das sagte auch die Prinzessinnenmutter jeden Tag zu ihrer Tochter Lebensfroh. Doch hätte sie sich die Mühe sparen können, denn die Prinzessin hörte nicht auf sie. Da schickte die Königin ihre Späher in das Dorf, um mehr über den auserwählten jungen Mann zu erfahren. Zufällig geriet sie dabei an die Eltern des jungen Lennart, die sehr verständig reagierten. Sie luden die Königin zu sich ein und erzählten ihr alles von ihm, wie schön er für sie war, wie sie ihn immer lieb hatten, auch wenn er nicht sprechen wollte, und wie beherzt er der alten Frau geholfen hatte. Für die Königin klang das alles wie ein Märchen. Sie selbst war von morgens bis abends vom Plappern der Hofdamen und Günstlinge umgeben und sehnte sich manchmal nach Ruhe. Auch hatte sie noch nie etwas Ungewöhnliches vollbracht, außer der Tatsache, dass sie zur Königin geboren war. Alles andere hatte man ihr immer abgenommen, auch ihre eigenen Entscheidungen - wie sie jetzt bemerkte. Als sie wieder im Königspalast war, sprach sie zuerst lange und entschieden mit ihrem Mann, dem König. Und dann riefen sie gemeinsam ihr Töchterlein und sagten zu ihr: "Prinzessin Lebensfroh, wir sind einverstanden. Du darfst diesen Lennart heiraten und ins Blaue Haus ziehen." Doch statt in Freudenschreie brach ihre Tochter in Tränen aus und weinte bitterlich. Jetzt verstanden die Königseltern die Welt nicht mehr. Sie hatten es doch so gut gemeint und ließen ratlos - wie sie waren - die alte Astrid zu sich kommen. Diese war geblendet vom Glanz des Königshofes und brachte nur einen Satz heraus: "Worte sind nicht alles, aber ohne Worte ist vieles nichts." Soviel der König und die König auch darüber nachsannen, sie wussten einfach nicht, was ihnen die Alte sagen wollte.
Inzwischen wurde das Töchterchen Lebensfroh immer schwermütiger, die Kutschfahrten ins Blaue Haus hörten so plötzlich auf wie sie angefangen hatten. Zuletzt wurde das Kind krank, sehr krank sogar. Als der Hofmediziner nicht mehr weiter wusste, rief man wieder die alte Astrid. Denn ihre Heilkünste und die ihres jungen Begleiters waren schon sehr berühmt geworden. - Die schwächliche Alte kam gestützt auf den jungen Lennart, doch als er sich über die Prinzessin Lebensfroh beugte, um sie zu untersuchen, verließ sie erstaunlich leichtfüßig das Zimmer. Hinter der Zimmertür wisperte sie beschwörend: "Worte sind nicht alles, aber ohne Worte ist vieles nichts."
Drinnen im Zimmer bei der schönen Prinzessin leuchtete es wieder auf - das zauberhafte, unvergleichliche Lächeln des jungen Lennart. Es galt dieses Mal nur der Prinzessin, und nur ihr allein! Und wurde wunderbar untermalt von den Worten: "Ich liebe dich!" Da richtete sich die Prinzessin unter Aufbietung all ihrer Kräfte auf und lächelte glücklich. "Ich liebe dich auch und möchte Dich heiraten", antwortete sie freimütig. "Das will ich auch", antwortete der junge Lennart", aber vorher muss ich noch etwas erledigen." "Was denn?" wollte die Prinzessin sofort wissen, und zitterte schon wieder sehr lebensfroh vor lauter Neugierde. Doch Lennart legte den Finger auf den Mund, schwieg geheimnisvoll, bettete sie sorgsam unter die Decke und verließ das Schloss mit der Alten. Er ging zum Haus seiner Eltern und sagte: "Liebe Eltern, habt Dank für die Geduld, die ihr mit mir hattet. Die Menschen reden so viel. Ich wusste immer, dass ich mehr über sie und von ihnen erfahren würde, wenn ich schwieg und zuhörte. Meine Jugend und Lehrzeit ist jetzt zu Ende und ich habe mein Schweigen abgelegt wie eine alte Schlangenhaut. Wie ihr Euch schon denken könnt, möchte ich die Prinzessin heiraten. Meine Zukunft wird nur glücklich sein, wenn ihr mich versteht und mir die Jahre des Schweigens nicht verübelt." - Nun Lenni, was denkst Du, was die Eltern wohl gesagt haben? Richtig! Es waren gar nicht so viel Worte, aber ein tiefes herzliches Küssen und Umarmen.
Und wie ging es weiter? Der König ernannte den jungen Lennart zum leitenden Arzt für das ganze Königreich. Die Menschen nannten ihn von nun an Prinz Lennart. Es war ihnen egal, ob er ein "echter" oder ein "falscher" Prinz war. Nicht nur, dass er viele Menschen heilte und andere Heilkundige ausbilden konnte, nein, viele ahmten auch seine Lebensweise nach. Sie zogen in die Natur und übten sich im Schweigen und Zuhören. Immer seltener kam es dadurch zu Streit und gewalttätigen Auseinandersetzungen. So wirkte sich das Vorbild des Lennart segensreich im ganzen Tal aus und die Eltern waren stolz auf ihn. Noch viele Jahre lebten die alte Astrid und die Eltern von Lennart mit dem jungen Paar zusammen in dem kleinen Dorf oder eher umgekehrt, sie mit ihnen. Denn keine Macht der Welt konnte Prinz Lennart dazu bewegen das stille, blaue Haus zu verlassen und in den lärmenden Palast zu ziehen. Und wenn die Prinzessin Lebensfroh manchmal missmutig schmollte und sich nach der geheizten Badewanne und den fleißigen Mägden sehnte, dann schenkte ihr Lennart sein schönstes Lächeln flüsterte ihr ins Ohr: "Weißt Du noch, wie wir uns hier kennen gelernt haben? Du und ich? Dies ist der wichtigste Platz unseres Lebens. Warum sollten wir ihn verlassen?" und kochte schnell den wohlschmeckenden Verzauberungstee. Damit hatte er die Prinzessin wieder ganz für sich gewonnen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute in dem kleinen, blauen Holzhaus am Waldrand in Südschweden.

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