Pfaueninsel
Ich stehe am Beckenrand eines Goldfischteichs und falle kopfüber hinein.
Das ist gut. Das Wasser ist kühl, Seerosenstiele schlingen sich um meine nackten Fersen. Schlamm kitzelt meine geöffneten Lippen. Meine Arme weiten sich zu Flossen aus. Meine Augen sehen die Dinge wie sie sind. Keine verwirrende Überschneidung beider Sichtwinkel mehr. Schuppen glitzern im Sonnenlicht. Was für ein schöner Fisch. Mein Bauch treibt mich aufgebläht an den Rand des Beckens. Doch halt! Eine Hand bekommt mich zu fassen und drückt mir die Kiemen zu.
Ich stehe auf einem Kieselfeld. Die kleinen Steine kitzeln meine Fußsohlen. Ich sehe an mir hinab und entdecke eine, nein zwei Pfauenkrallen. Stark sehen sie aus. Sehr bewusst treten sie auf, wenn auch etwas zögerlich. Sie führen mich etwas hangabwärts ans Wasser. Mein Kopf bewegt sich in einem anderen Rhythmus als meine Beine. Mein langer Hals biegt sich grazil nach unten. Mit dem Schnabel picke ich ein Korn zwischen den Kieseln heraus. Die Welt ist nur, damit ich stehen kann. Kribbelnde Erregung durchfährt meinen Körper. Das Zittern beginnt in meinem Hühnerbauch, breitet sich ruckartig bis zu meinem Bürzel aus. Meine langen Schwanzfedern zucken nach oben. Kywitt, kywitt, was für ein schöner Pfau bin ich. Wie funkelt das Blau, Grün, Braun-Orange in der Sonne! Seht ihr mein Rad? Ich habe es erfunden. Gott? Wer ist das? Der Mensch? Dass ich nicht lache. Doch halt! Was macht die kleine Frau da hinten? Steht da in einem weiß-goldenen schillernden Kleid. Eine blaue Schmetterlingsspange im Haar. Ich renne auf sie zu und picke ihr die Augen aus. Eine Hand bekommt mich zu fassen und drückt mir die Kehle zu.
Dann doch lieber ein Wildschwein. Meine kurzen Hacken tragen mich durch den Wald. Mein Rüssel riecht Pilze und führt mich durch's Unterholz. Modrige Baumstämme versperren mir den Weg. Schimmelgeruch sagt mir, dass es schon zu lange geregnet hat. Ein Beerenstrauch sticht mir ins Auge. Wo sind die Pilze? Ich halte inne und spähe durch ein Farnkraut. Ein paar Spaziergänger versperren mir den Weg und schreien: "Hu, ein Wildschwein!" Ein Kind fängt an zu weinen und klammert sich an das Bein seiner Mutter. Der Farn kitzelt mir in der Nase und ich laufe weg. Ein alberner Pfau fliegt vor mir davon und rettet sich auf das Dach einer Voliere. "Wildschweine sind aber trotzdem gefährlich," höre ich eine Stimme hinter mir sagen. Ich kichere und ändere meine Richtung. Mein Bauch schaukelt im Takt. Ein paar Äste knacken unter mir. Ansonsten ist alles still.
von Nele Stein

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